Die fünf Buchstaben „vegan“ lösen bei vielen Menschen Augenrollen aus sind stark negativ belastet. Hast du schonmal erlebt, dass du angefeindet wirst, sobald du erwähnst, dass du vegan lebst? Ich schon sehr oft, deshalb habe ich mich gefragt, woran das liegen mag.

Im ersten Teil (Blogbeitrag vom 06.06.20) habe ich ja schon angefangen aufzuschlüsseln, worin Gründe für diese Kritik liegen können. Der zweite Teil heute knüpft direkt daran an.

Karnismus

Zu den Überzeugungen in Bezug auf Ernährung gehört auch der erstmal komisch klingende Begriff des „Karnismus“. Dieser wurde von der Psychologin Dr. Melanie Joy geprägt und beschreibt die Ideologie des Fleischessens. Keine Sorge, wir machen jetzt keinen Abstecher in den Religionsunterricht – vielmehr geht es um unsere Kultur. Denn schon im Kindesalter haben wir gelernt, dass es normal ist, das Fleisch von ausgewählten Tieren zu essen. Unbewusst übernehmen wir von unseren Eltern und näheren Bezugspersonen, dass Tiere in Kategorien eingeteilt werden: Der Golden Retriever gehört zu den Haustieren und die Kuh zu den Nutztieren. Somit sind Hunde zum Streicheln da und Rinder zum Essen, sodass wir ein Steak als lecker empfinden und Hundefleisch unter keinen Umständen essen würden.

Zudem lernen wir auch, dass es natürlich ist, Fleisch auf dem Teller zu haben. Das wird vor allem darin begründet, weil wir es ja schon immer so gemacht haben. Oma und Opa haben regelmäßig Fleisch von Schweinen, Hühnern und Rindern gegessen, genauso wie die Steinzeitmenschen wilde Tiere erlegten und über dem Feuer gegart haben. Und so gilt die Überzeugung, Fleisch, Eier und Milch seien notwendig für eine gesunde Ernährung. 

Auch wieder unbewusst lernen wir, Tiere als Objekte zu sehen, die für uns da sind. Sie sind ein Mittel zum Zweck (Milch trinken, Rührei machen, Würstchen grillen) und weniger fühlende Individuen. So fällt es auch nicht mehr so schwer, gewaltvolle Handlungen gegen sie auszuüben. Den Satz  „Es sind es ja nur Tiere“ hat bestimmt jeder schonmal gehört und es veranlasst dazu, sich die komplette Macht darüber zu nehmen, wer wann stirbt und gegessen wird. 

Es macht mich alles so traurig, das so zu schreiben 😥

Doch es ist Realität und dieser Karnismus ist in allen so tief verwurzelt, dass wir ihn gar nicht wahrnehmen und wahrscheinlich auch niemals ein Wort dafür gefunden hätten. Denn er ist einfach nur da, ganz unterschwellig und unbewusst. 

Fleisch oder tierische Produkte im Generellen zu essen, ist so sehr gesellschaftlich akzeptiert, dass man quasi dazu gehören will. „Aussteiger“ aus diesem System – in diesem Fall Veganer wie du und ich – fallen dann negativ auf, können als Aussätzige angesehen werden. Und so fallen immer wieder kritische Äußerungen, die uns darin bestätigen, sich lieber nicht „zu outen“. 

Wie kann man nun am besten damit umgehen?

Auch hier hilft es wieder, gelassen zu bleiben, die Dinge nicht persönlich zu nehmen und auch Mitgefühl für den anderen zu entwickeln. Vor allem, wenn du merkst, dass der andere gerade in den Rechtfertigungsmodus übergeht – dann hat er kein spezielles Problem mit dir, sondern der Sache an sich. Das Sich-Rechtfertigen ist immer auch ein gutes Indiz für die kognitive Dissonanz. Die kann bei Kritik an deiner veganen Ernährungsweise eine große Rolle spielen.

Kognitive Dissonanz

Dieser Begriff aus der Psychologie beschreibt einen unangenehmen Gefühlszustand: der jeweilige Mensch hat unvereinbare Kognitionen, wie z.B. Wünsche, Einstellungen oder Werte.

Unser Beispiel hier ist Folgendes: „Ich liebe Tiere, aber esse sie trotzdem.“ Weil Liebe und Tötung ein Widerspruch in sich sind – also eine Dissonanz – sucht die Beispielperson nach Auswegen aus dieser misslichen Lage. Zum Einen liebt sie ja Tiere, von Hund bis Kuh, aber gleichzeitig isst sie letztere auch sehr gerne.

Die Rettung aus dieser schwierigen emotionalen Lage ist es, den Verzehr von tierischen Produkten zu rechtfertigen, häufig auch mit Argumenten aus dem Karnismus: „Fleisch essen ist normal, ich brauche Milch für gesunde Knochen, die Schweine werden doch artgerecht gehalten – steht ja auf dem Label der Verpackung.“ Um dann im Umkehrschluss zur vegan lebenden Person zu sagen: „vegane Ernährung ist ungesund und zu extrem.“

Eine weitere gerne genutzte Möglichkeit, um aus der kognitiven Dissonanz zu entfliehen ist das Leugnen, Ignorieren und Nichtwahrnehmen von Informationen, die die Dissonanz unterstützen würden. So hört man dem Veganer dann einfach nicht richtig zu oder betitelt die Aussagen als falsch – alles zum Selbstschutz, um sich nicht (wieder) schlecht fühlen zu müssen und als „blöd“ oder Tierschänder dazustehen.

Auch die selektive Beschaffung von Informationen und deren Interpretation ist sehr populär. „Ich habe gelesen, dass zu viel Gemüse dumm macht, also kann vegane Ernährung gar nicht gut sein.“ oder „Ein Mann, der sein ganzes Leben wöchentlich 2kg Fleisch aß ist 100 Jahre alt geworden.“ Hier schließt die Person von einem Einzelfall auf die Grundgesamtheit und will sich damit in das richtige Licht rücken: was ich mache, ist gar nicht so schlimm!

Und jetzt kommt die Krönung. Angenommen dein Gegenüber hat sich schon etwas mehr mit seiner mischköstlichen Ernährungsweise auseinander gesetzt, Berichte im Fernsehen und der Zeitung über Tierskandale gelesen. Er hat also schon etwas über die Kehrseite der Tierindustrie erfahren, das hat ein mulmiges Gefühl in ihm aufgelöst. Dann hat er sich wieder Rechtfertigungen gesucht und ist wieder einigermaßen aus der misslichen emotionalen Lage entkommen.

Aber dann kommt da der Veganer um die Ecke und verschmäht seinen mit Eiern und Milch gebackenen Kuchen. Die noch so frische Wunde reißt wieder auf und das freundliche Ablehnen des Kuchenstücks wirkt dennoch wie Salz in der Wunde.

Sehr nachvollziehbar, dass dann eine starke Gegenwehr kommt. Schließlich möchte sich jeder vor unangenehmen Gefühlen wie „mist, ich mache etwas falsch“ schützen und es ist für ihn angenehmer, Ablehnung gegen die vegane Ernährung zu formulieren. Die Ablehnung schützt ihn davor, dass er sich selbst nicht ändern muss. Dahinter steckt: sobald ich zugebe, dass der andere Recht hat, müsste ich mich ja ändern.

Mein Tipp: Mitgefühl ist also in solch einer Situation wieder genau richtig. Steige nicht in die Diskussion ein, bleibe sachlich und formuliere wertschätzende Fragen, um den Gegenüber besser zu verstehen.

Ganz interessant finde ich auch noch, wie die Werbung ihre Finger im Spiel hat. Die kognitive Dissonanz hat nämlich eine große Bedeutung für den Markt. Das Marketing wird immer so ausgelegt, dass die unangenehmen Gefühlszustände gar nicht erst entstehen bzw. reduziert werden. So werden vorrangig Kühe auf der grünen Wiese gezeigt (als im engen Stall) und Fleisch mit Tierschutzlabeln versehen. So wird der Verzehr von tierischen Produkten als nicht schlimm verkauft, schließlich geht es den Tieren doch gut. Die realen Umstände wird der Verbraucher nie erfahren und so bleibt der Joghurt ein unschuldiges Produkt aus dem Supermarkt – damit bleibt er für die meisten Menschen immer noch kaufbar.

Das heißt also auch: Es kann sein, dass dein Gegenüber es einfach nicht besser weiß. Dass er sich bisher wenig oder überhaupt nicht mit seiner Ernährung auseinander gesetzt hat. Und wenn er den Darstellungen aus der Werbung auch glaubt, die Umstände für die Tiere noch nicht hinterfragt hat. 

Die Hinterfragung und das „Aha-Erlebnis“ können Jahre dauern – auch wir waren ja nicht seit unserer Geburt vegan. Erst im Laufe unseres Lebens haben wir aus unterschiedlichen Antreibern begonnen, die Umstände zu hinterfragen. Das alles muss von Innen kommen, sodass Appelle nichts nützen. Der Gegenüber fühlt sich dann schnell entmündigt, übergangen und reagiert sehr wahrscheinlich mit Aggression. Druck erzeugt Gegendruck. Für Harmonie brauchen wir Wertschätzung, Verständnis und Empathie 😊

Das alles kann ich jetzt natürlich so einfach hier schreiben – Theorie und Praxis können wie wir alle wissen weit auseinander liegen. Auch ich bekomme regelmäßig einen roten Kopf, vor allem auch wenn es um Vegane-Klischees geht. Mittlerweile bin ich als vegane Ernährungsberaterin in der Lage, diese wissenschaftlich fundiert aufzulösen -das gibt mir ein sicheres Gefühl.

Auch dir kann ich zum Abschluss noch sehr empfehlen, gut über die vegane Ernährung informiert zu sein, um Kritik zu harmonisieren und nicht Unwissend dazustehen.

Zudem habe ich bemerkt, dass das Wort „pflanzlich“ neutraler wahrgenommen wird als „vegan“. Probiere mal aus, beim nächsten Philosophieren über Ernährung zu erzählen, dass du dich rein pflanzlich ernährst. Ich schätze der Gegenüber wird nicht sofort begreifen, dass du damit „vegan“ meinst, und euer Gespräch wird harmonischer verlaufen. 

Vielen, vielen Dank, dass du bis hierher gelesen hast! Bis zum nächsten Blogartikel 😊

2 Kommentare

  1. Wirklich ein toller, kompletter Blogeintrag. Ich werde versuchen, bei meinem nächsten „Gespräch“ deinen Tipps zu folgen.

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    • Danke dir, liebe Desiree 😊 Es freut mich, dass ich dir Anregungen mitgeben konnte.

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